Kerzenzeit ist immer … man kann sich nicht um alles kümmern, man hat selbst nur zwei Hände

Endlich. Nach so langer Zeit hat Elisabeth ein kleines Stündchen übrig, um genüsslich mit Erna über Belangloses zu reden. Die tiefschürfigen Nachrichten, die tagtäglich auf sie hereinprasseln, lassen sie außen vor, wenn sie sich gemütlich zusammensetzen. Der Alltag bietet satt und genug Themen, über die sie sich unterhalten können.

“Die Welt ist groß und bunt, Erna. Lass uns nicht über Sorgen und Krankheiten reden. Die kommen noch früh genug …“

Doch schon mit dem Satz wollten Elisabeths Gedanken abwandern. Gerade rechtzeitig blieb ihr Blick bei den Tulpen auf dem Tisch hängen.

„Schöne Tulpen hast du hier, Erna. Draußen ist es noch mächtig frisch und hier wird der Frühling eingeläutet. Wunderbar! Das macht Laune. … Langsam werden die Tage wieder länger. Das trübe, dunkle Wetter …  gut, dass es draußen bald wieder gemütlich wird. Allmählich ist man es leid, ständig nass, kalt, früh dunkel und schudderig ungemütlich draußen.“

“Ach ja, Elisabeth. Ich freue mich auch schon auf den Frühling. Mittags wird’s sonnig warm, die ersten Blumen lassen sich blicken, Vogelgezwitscher. In mollig warmer Decke die ersten Sonnenstrahlen genießen …“

Doch dann  wäre Erna fast abgedriftet im Gespräch. Unwillkürlich musste sie an eine Bekannte denken, für die es nicht so einfach ist, ein paar Schritte vor die Tür zu machen. Doch jetzt will sie sich nicht damit belasten und schiebt den Gedanken beiseite.

“Was gibt es Schönes, Elisabeth. Endlich mal  Zeit, um gemütlich miteinander zu plauschen. Hast du schon Pläne geschmiedet, wenn das Wetter jetzt besser wird, für den Frühling oder Sommer?  Wieder Radfahrern mit Heinrich und schöne Plätze besuchen? … Es gibt so viele schöne Ecken hier in der Nähe, sagt Egon immer. Man kennt längst nicht alles in der Umgebung. … Das wär’ mal was für uns, für dich und mich … Wie wär‘s, wenn wir beide … wir könnten tatsächlich mal unbekannte Wege in der Stadt auskundschaften … man kommt nie dazu und weiß gar nicht genau, was ringsum alles kreucht und fleucht. Die nächsten zwei, drei Straßen von hier … ich glaub‘ fast, da war ich das letzte Mal … das ist bestimmt schon ein paar Jährchen her.  … Wenn man da nichts zu suchen hat, kommt man normalerweise auch nicht hin. Es sei denn, man nimmt es sich vor …“

Elisabeth hört zu. Gedanken  wandern durch ihren Kopf, als könnte man sie sehen.

„Meistens geht man die gleichen Wege, das stimmt schon …“

“Man hat ja auch meistens das gleiche zu tun …“, fügt sie noch hinzu. „So ist das eben mit dem täglichen Einerlei. Und fertig wird man trotzdem nicht. … Ach ja, zuhause wartet der Wäschekorb auf mich. … Wie spät ist es?“

Schwuppdiwupp, da war er wieder, der Alltag. Fast hätte das tägliche Einerlei Elisabeth abgeholt.

„Die Arbeit läuft nicht weg, Elisabeth. Man hat immer alle Hände voll zu tun. … Manchmal musst du einfach ein Tuch drüber legen, damit du sie nicht siehst. Stell dir vor, wir machen einen Ausflug hier in die nächste Umgebung. Wann gehen wir schon mal durch die Straßen zwei, drei Häuser weiter …“

Erna ist plötzlich fasziniert davon, wie einfach es sein kann, den Alltagsgedanken den Rücken zu kehren. Welch ein verlockender Gedanke, dass schon hinter der nächsten Kurve im Prinzip Neuland ist. Wie gerne möchte sie mit Elisabeth einen Nachmittag lang durch die nächstgelegenen Winkel und Plätze auf Entdeckungstour gehen. Und hoffentlich lässt sich Elisabeth dafür begeistern.  Vielleicht gibt es sogar Geschäfte zu entdecken und Denkmäler, an denen man bisher nichtsahnend vorbeigelaufen ist. Straßen, Wege, Plätze erzählen. Man muss ihnen nur zuhören und es gibt wahrscheinlich so viel zu entdecken, was eigentlich nur einen Steinwurf weit entfernt ist, vielleicht nur eine Haltestation weit …

Doch Elisabeth scheint inzwischen sämtliche Arbeiten zu sehen, die auf sie warten. Mit Erna einfach draußen herumlaufen, durch fremde Straßen, einfach nur so …? Also nein, so viel Zeit hat sie nicht und überhaupt. In die Stadt gehen … ja, wenn man dort gleichzeitig Dinge zu erledigen hat …

Und Elisabeth fühlt die Herausforderung, die Ernas Erwartung in ihr auslöst. Wenn sie doch wenigstens gleichzeitig etwas besorgen müsste, Eier, Salat, Obst vielleicht? … Sie spürt regelrecht Ernas Vorfreude. Doch …sie ist es einfach nicht gewohnt, untätig herumzulaufen. … Oder sie müsste vorher etwas lesen, sich bildungstechnisch vorbereiten, geschichtlich einlesen auf das,  was sich auf die Gegend bezieht. Und das ist auch wieder so viel Arbeit, … Aha, da fällt ihr ein, man könnte sich einer Gruppe anschließen, sozusagen eine Stadtbesichtigung vor der eigenen Haustür mitmachen …

Erna … eine geführte Tour durch die Straßen, was meinst du, das könnte auch interessant sein …

“Oh, Elisabeth … wir beide, stell dir vor, wir fahren im Bus durch die nächsten Stassen hier …“

“Erna … oder zu Fuß und anschließend wissen wir sogar, wie alt das Pflaster ist, auf dem wir laufen …“

Erna ist hellauf begeistert. Sofort beginnen beide, in allen möglichen Blättchen und Zeitungen zu blättern, die Egon fein säuberlich auf den Stapel gelegt hat. Informationen werden meistens frühzeitig veröffentlicht, deshalb könnte sich das Suchen auch in der Zeitung von vorgestern lohnen, meint Elisabeth. Beide suchen angespannt nach Angeboten, die eigentlich für Stadtbesucher gemacht sind.

“Man hat immer alle Hände voll zu tun, Elisabeth, selbst hier, wenn man in der Zeitung etwas sucht. … Tja, alles will vorbereitet werden.  Und wenn man sich nicht freischaufelt, sieht man nichts von der Welt.…“

“Hast wohl Recht …  Doch um alles kümmern braucht man sich auch nicht. … und glaub mir, es läuft auch ohne uns …“

„Das Drumherum, wo wir wohnen, du und ich, mal richtig entdecken. Elisabeth, ich freu‘ mich drauf!“

3 Gedanken zu “Kerzenzeit ist immer … man kann sich nicht um alles kümmern, man hat selbst nur zwei Hände

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