Kerzenzeit ist immer … Alles kommt in die Jahre

„Alles kommt in die Jahre, mag es noch so schön auf Hochglanz getrimmt worden sein …“

„Bei Erwin, bei Erwin müsstest du dir den Keller ansehen, seinen Bastelkeller. Wie neu sieht alles aus, du glaubst es nicht. Der hat alles, was du dir denken kannst … und nur vom Feinsten.“

„Tja, Erwin ist richtig verbrüht mit seinen Sachen. Alles picobello. Kein Dreck, nicht mal ein Körnchen Staub, nichts Durcheinander, alles geordnet. Vor kurzem hat er uns draußen vor der Tür einen von seinem neuen Seitenschneider vorgeschwärmt. Der könnte glatt einen Laden aufmachen …“

Mit halben Ohr zugehört hat Erna. Seit wann interessiert sich Egon für einen Seitenschneider? Hat er etwas Besonderes vor … normalerweise ist alles im Haus, was gebraucht wird. Hammer und Kneifzange und so. Basteln, Sachen auseinander nehmen, das wäre etwas völlig Neues im Hause Erna-Egon. Besser, Egon bleibt bei den Hobbys, die er hat, sonst geht das Gekaufe los. Und wo soll sie hin mit all dem, was kommen kann …

Doch bevor Erna sich erkundigt, was es mit dem Seitenschneider von Erwin für eine Bewandtnis hat, ist Egon bereits beim Thema angelangt.

„Erwin und der Seitenschneider … bin gespannt, ob er sich das teure Ding kauft. Für jedes bisschen, was man macht, gibt es Spezialwerkzeug. Hinterher hat er -zig verschiedene Seitenschneider … das würde mir im Traum nicht einfallen. Lohnt sich gar nicht für die paar Male, wo man so etwas gebraucht …“

Na, ganz so überzeugend wie der Satz rüberkommen soll, klingt Egons Stimme nicht.

„Will nicht hoffen, dass Egon plötzlich meint, sie müssten auch so einen Top-Seitenschneider haben.“, schießt es Erna in den Kopf. Das fehlte gerade noch … den teuersten Seitenschneider besitzen und nichts zu schneiden haben.“

„Tja, ich bin, was ich habe …“, hört Egon seine bessere Hälfte murmeln.

Er blickt auf, blickt Erna an.

„Erwin, Erwin kennt sich aus wie kein anderer. Keine Sorge Erna, wir gebrauchen das Ding nicht. Reicht, wenn man Bescheid weiß … wenn man drauf zu laufen weiß. … Das Erstbeste taugt nicht immer am meisten …“

„Einkaufen ist schon fast eine Wissenschaft für sich. Auf jedem Gebiet. Mehl ist nicht gleich Mehl, Zucker nicht gleich Zucker. Man weiß manchmal nicht, was man nehmen soll …“

„… ob wir mal anderes Mehl beim Backen probieren sollten? Vielleicht gibt’s Unterschiede …“

Egon räuspert sich, ist im Begriff aufzustehen. Reichhaltig und vielfältig, -zig verschiedene Sorten von allem, also für heute hat er genug davon. … was interessiert ihn Mehl, nicht die Bohne. Fehlte noch, dass er in Zukunft alle möglichen Mehltüten besorgen soll …

„Muss alles aufgepasst werden, gebraucht werden, in Ordnung gehalten werden … Erwin verbringt Stunden in seiner Katakombe, lass mal, wir brauchen das nicht …“

„Hast recht … wo soll man alles lassen, wo im Schrank unterbringen, den ganzen Kram, die ganzen Sorten. … Vielfalt schön und gut … zufrieden sein, mit dem, was man hat, ist das wichtigste.“

Plötzlich ist es, als hätte Egon Hummeln im Hintern, als stünde er unter Spannung. Vielleicht steigt die Vorstellung vom zufriedenen Alltagstrott in ihm hoch. Nur das nicht. Wie aus heiterem Himmel lädt er seine erstaunte Erna zu einem Bummel durch die Einkaufsstraße ein.

Sich ins Getümmel schmeißen, sagt er dazu. Sich nicht zum alten Eisen fühlen. Und als Erna tatsächlich die Mehlpackungen im Lebensmittelladen näher unter die Lupe nimmt, bleibt er gelassen daneben stehen.

„Den ganzen Tag könnten wir hier verbringen und hätten immer noch nicht alles inspiziert …“

„Vielfalt schön und gut, es darf nur nicht Zuviel werden, sonst kommen wir gar nicht zu dem, was wir wollen …“ Halblaut gebrummt hat Egon es, mehr zu sich selbst gesagt als zu anderen.

„Man wird quasi erschlagen vom Angebot,“ ergänzt Erna seinen halblauten Satz.

„… alles ist so kurzlebig. Was kommt eigentlich noch in die Jahre?“

Ein Gedanke zu “Kerzenzeit ist immer … Alles kommt in die Jahre

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