Kerzenzeit ist immer … Wartezimmer sind zum Warten da

Endlich kommt Erna wieder nach Hause. Egon und die Küchenuhr. Fast mit seinen Blicken gefressen hat er sie. Als ob die Ticktack-Zeiger wüssten, wo seine Erna nur so lange bleibt heute morgen. Ist schließlich gleich Mittag. Wieder wandert sein Blick vom Fenster zur Tür, zur Uhr. Da, Geräusche, bekannte Schritte.

„Was dauert es, Erna, bis du wiederkommst. Hab mir schon Sorgen gemacht, dass er dich da behält …“

„Der Arzt, meinst du? Ach herrje, was war das Wartezimmer wieder voll. … Verstehe das nicht, wo man doch seine Termine hat.“

Egon hat längst wieder seine Zeitung ergriffen und blättert darin herum. Hauptsache, Erna ist wieder da, damit ist seine Welt in Ordnung.

„Was hat er gesagt, der Doktor? Alles in Ordnung? …“

„Ja ja, keine Sorge, alles in Ordnung. Nur diese elende Warterei. Doch was soll man klagen, können froh sein, dass wir gute Ärzte in der Nähe haben.“

„Nur, Egon … was einem so komisch vorkommt beim Warten, das ist die Zeit im Behandlungszimmer … wenn man allein ist in dem Raum, fühlt man sich total unwohl. Man weiß gar nicht, ob man sich hinsetzen soll oder doch besser stehen bleibt. Und wenn man die Einrichtung oder die Bilder eingehend betrachtet, gehen die Gedanken spazieren. … Irgendwie liegt man während der ganzen Wartezeit auf der Lauer mit all den Fragen, die man sich zurecht gelegt hat. … Fast hätte ich wieder etwas Wichtiges vergessen …“

Egon blickt auf.

„Ja, sie lassen dich überall warten. Bloß keine Lücke entstehen lassen, alles läuft reibungslos, automatisch eben.“

„Der Mensch ist doch kein Automat, Egon …“

„Heutzutage sind Arbeitsabläufe optimiert, Erna. Zeit ist Geld …“

„Was kein Geld bringt, kann warten.“

„Die einen warten länger, die anderen warten kürzer. So ist das nun mal im Leben. Ach Erna, mach dir keine Gedanken. Wir in unserem Leben ändern doch nichts daran.“

„… außer, dass man mal jemanden an der Kasse im Supermarkt vor lässt, wenn es gerade so auskommt. Am Warten kommt keiner vorbei …“

Ganz so pauschal wie ihr Egon sieht Erna die Sache mit dem Warten nicht. Wartezimmer, Wartehallen, Wartehäuschen, Wartezeiten, Warteschleifen, seit wann gibt es das alles? Warten auf Weihnachten, auf Ostern … warten, bis der Zug kommt … warten, bis der Kaffee kocht oder das Essen gar ist, das kennt sie von kleinauf. Irgendwann gab es Wartehäuschen an der Bushaltestelle, ein enges Wartezimmer beim Zahnarzt. Wenn es dort voll war, standen die Leute. Von wegen jeder hatte einen Sitzplatz. Die Leute sahen sich verstohlen an, einige redeten und aus dem Behandlungszimmer hörte man den Angst einjagenden, schrecklich hohen Ton vom Bohrer. Warten im Behandlungszimmer gab es nicht. Im Gegenteil, der Zahnarztstuhl fühlte sich noch warm an von der Körperwärme des Vorgängers. Vielleicht, weil der auch immer tiefer in den Stuhl gerutscht war beim Mund aufmachen …

„Manche warten sogar ihr Leben lang, dass einer vorbei kommt.“

Dass der passende Mann vorbei kommt … In Egons Kopf spuken anscheinend noch Geschichten aus uralten Zeiten, in denen Frauen auf ihren Prinzen warten.

Erna ist in Gedanken beim Warten in früheren Zeiten. Haben Frauen tatsächlich früher mehr gewartet, anders gewartet? Warten allgemein war sicherlich nicht so komfortabel wie heute. Ob Warten auch was Gutes hat? Wenn Chantal und Lena vorbeikommen, will sie die beiden jungen Leute fragen, was sie dazu meinen.

2 Gedanken zu “Kerzenzeit ist immer … Wartezimmer sind zum Warten da

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