Kerzenzeit ist immer … In dreckigen Winkeln wirst du schmutzig von oben bis unten.

Wieder mal Egon. Keine Ahnung, welche Laus ihm über den Pelz gelaufen ist. Mürrisch schiebt er seinen Kaffeepott weit auf den Tisch. Dabei hat Erna gar nichts von ihm gewollt. Kein indirekter Auftrag wie Brötchen holen oder Mülleimer rausstellen. Meistens verpackt sie ihre Anforderungen höflich wie in Seidenpapier. Wie Egon es hasst. Direkt sagen soll sie es. Und nicht häppchenweise. Denn auch Sachen, die er nicht gern erledigt, hat er immer noch erfüllt, und zwar selbstverständlich und ohne zu murren. Diese ihre Frauenart ärgert ihn jedes Mal. Immer noch. Dabei kennt er seine bessere Hälfte fast in- und auswendig, wie er so schön sagt. Und dieses Gelobt-Werden wie ein Schuljunge, er hasst es wie die Pest.

Schlechte Laune, gemischt mit Tatendrang und Untätigsein, eine unselige Gefühlsmischung. Warum nur kriecht diese seltsame Gefühlslage in ihm hoch … Egon weiß es selbst nicht. Es interessiert ihn auch nicht.

Erna scheint sein Gesicht zu lesen. Ihn darauf ansprechen, ihn auf seine schlechte Stimmung aufmerksam machen, diesen undifferenzierten Gefühlsmix thematisieren und damit pushen, nein, das tut sie nicht. Sie lässt ihren Egon einfach links liegen und geht ihrer Dinge nach. Aufgewallte Gefühle brauchen Zeit, um sich zu glätten. Egal, ob sie wie angeflogen kommen oder ob Ursachen auf der Hand liegen.

„Sagst du was, bist du mittendrin und holst dir wohlmöglich noch Schwierigkeiten ins Haus …“

„Da unten … sie könnten eleganter parken, siehst du’s, da ist Platz genug für zwei Autos … Rücksicht nehmen scheint nicht ihre Stärke zu sein …“

Erna wirft einen Blick aus dem Fenster und schält ihre Kartoffeln weiter. Egon greift zur Zeitung. An nahezu jedem Artikel könnte er sich heute aufreiben. Ginge es nach ihm … ach, ihr Egon hofft wie viele andere auf eine bessere Welt. Nur mit dem momentanen morgendlichen Frust im Herzen wird’s ein noch weiterer Weg …

„Bis sich etwas ändert, allgemein etwas tut, das dauert und dauert. … Da fließt noch viel Wasser durch den Rhein…“

„Die Parkerei da unten …?“

„Den Verkehr, die Autos, die Luft … soll mich mal wundern, wie sie alles in den Griff kriegen wollen und alles wird teurer …“

Egons Gedanken nehmen Anlauf.

„… Und nix dauert und dauert… pass mal auf, Erna. Es kommt noch dicker … “ , schießt es aus ihm heraus, „übermorgen findest du keinen zum Reden mehr … nur noch sprechende Computer. … Parken wird auch automatisch gesteuert, wer weiß woher … vielleicht hören wir nur noch Selbstgespräche, wenn wir unterwegs sind.“

Ah, ha, daher weht der Wind, denkt Erna. Ihr Egon hat sich in ein Thema vertieft und ist stecken geblieben, hat sich sozusagen verklemmt und findet nicht heraus. Sieht überall Gespenster. Alles, was momentan um ihn herum passiert, wird mit den Themen aus seinem Lesefutter gekoppelt. Wie fatal … wie unfrei macht ihn das … Gefesselt vom Drama des Zeitgeschehens, gibt’s denn sowas …? Überall lauert das, was nicht sein soll und was man nicht mal im Traum sehen möchte …

Egon fühlt sich hilflos …wie ausgeliefert. Schlechte Gefühlsstimmungen können den ganzen Tag zum Kippen bringen, weiß Erna aus Erfahrung.

„Ach, es fehlt doch noch Brot im Haus … macht es dir etwas aus, einkaufen zu gehen?“

Erna wickelt ihre Frage wieder wie üblich in Seidenpapier ein, doch Egon ist froh, dass er mit dieser Aufgabe in der Hand einen nützlichen Weg vor sich hat.

Ein Gedanke zu “Kerzenzeit ist immer … In dreckigen Winkeln wirst du schmutzig von oben bis unten.

  1. Wie schön, liebe Inge, eine weitere feinbeobachtete Alltagsgeschichte von dir lesen zu können.
    Die Osmose auch zwischen zwei besseren Hälften funktioniert nicht immer optimal *lächel*
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

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