Kerzenzeit ist immer … Spannungen sind wie das tägliche Brot

„Hier ist was und da ist was … dass es mal Zeiten gibt, in denen nichts los ist … also, das habe ich noch nicht erlebt …“

Damit legt Egon das Reklameblättchen auf den Tisch.

Erna wundert sich. Die täglichen Mitteilungen aus den Einkaufsmärkten können schwerlich Egons Gedanken hervorgerufen haben. Und Gewitter liegt auch nicht in der Luft. Der Wetterbericht hat sogar gutes Wetter für die nächsten Tage vorhergesagt. Ob Egon nicht gut zurecht ist? Sie schaut ihn prüfend an.

„Geht’s Dir nicht gut heute?“ Gerade lag es ihr auf der Zunge, fast hätte sie ihn das gefragt. Gefolgt wäre die leidige innere Antwort, die sie sich selbst gibt. „Es geht ihm wohl nicht gut heute… “ Die eigene innere Stimme antwortet, noch bevor Egon den Mund aufgemacht hat und löst in ihr dieses Kribbeln aus, was sich anfühlt wie Grummeln vor einem herannahenden Unwetter.

Bloß nicht auf jeden Satz reagieren, nur keine spannungsgeladenen Pflänzchen hochzüchten, tief durchatmen, denkt sie sich. Sie steht auf und öffnet die Tür nach draußen einen Spalt. Frische Morgenluft zieht in die Küche.

Egons Gedanken scheinen Energie zu tanken. Seine Augen nehmen einen anderen Ausdruck an, wandeln sich weg aus der Innenwelt. Kann es sein, dass durch das kleine Bisschen Tür aufmachen so viel passiert ist? Alles ist ein Kommen und Gehen, fällt ihr ein. Das bisschen Frischluft hat sich nicht nur einen Platz in der Küche gesucht, nein, es hat das Alte, Verbrauchte vertrieben.

Ach ja, Fenster weit aufmachen und tief durchatmen, dann geht es dir besser.

Egon steht auf, reckt und streckt sich, sucht seinen Pantoffel.

„Will mal die Schuhe anziehen. Was wär‘ das Leben langweilig, wenn alles immer geradeaus liefe …“

Damit geht er zur Garderobe und bückt sich nach seinen Schuhen.

„Willst du bei Otto vorbeischauen … heute gibt’s Radfahrwetter …“

„Erst mal planen, besprechen, hören, was die anderen sagen. Rad fahren … wenn mehr Leute dabei sind, muss alles durchgekaut werden. Alles nicht so einfach heutzutage … jeder will was zu pupen haben …“

Doch jetzt lässt sich Egon von seinen eigenen Nein-, Wenn-, Ach-, und Aber-Gedanken nicht zurückhalten, verabschiedet sich von Erna für ein Stündchen und zieht die Tür hinter sich zu.

Rechtzeitig in die Gänge kommen, denkt Erna. Wie wäre wohl der Tag verlaufen … so ohne Frischluftzufuhr … Im eigenen Saft schmoren macht kein hübsches Gesicht. Da hilft selbst die teuerste Creme nicht …

Erna verlässt die Küche, setzt sich einen Moment nach draußen und winkt der Nachbarin zu, die zufällig zu ihr hinüberblickt.

3 Gedanken zu “Kerzenzeit ist immer … Spannungen sind wie das tägliche Brot

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