Kerzenzeit ist immer … nicht mal in den eigenen vier Wänden kennst du dich richtig aus

Na, das ist mal wieder so ein Satz. Voller Frust, weil Elisabeth nicht auf Anhieb die Tüte mit den schönen kleinen Buchstabennudeln gegriffen hat, kommen ihr diese Gedanken. Ist vielleicht nicht ihr Tag heute, so etwas soll es ja geben. Außerdem ist der Himmel grau in grau, den ganzen lieben langen Nachmittag schon. Jeder Schwung wird ihr genommen, es ist zum Mäuse melken. Dabei hat sie sich so viel vorgenommen. Denn immer, wenn Besuch vor der Tür steht, meint sie, alles bis in den letzten Winkel tipptopp haben zu müssen. Heinrich wird ganz nervös von dem Getue.

„Ist doch ordentlich genug, setz dich. Tu dir die Ruhe an. Bei denen sieht’s nicht anders aus als hier. Hauptsache, es kommt was Leckeres auf den Tisch.“

Das ist es ja. Elisabeth plant und räumt und putzt. Gläser werden gespült, Tischdecken nachgesehen und zurecht gelegt, das gute Geschirr wird schon mal aus dem Schrank gekramt und noch so einiges. Heinrich kann’s bald nicht mehr haben. Nichts geht über die schöne, gemütliche Ruhe. Ihre Geschäftigkeit lässt ihn hilflos werden. Er weiß zwar, wo all die Sachen stehen, doch wie man alles in die Reihe bekommt, darum brauchte er sich nie zu kümmern. … Außerdem findet er etliches überflüssig, was Elisabeth hervorkramt, macht und tut. Ist es nicht egal, wie man die Servietten legt und ob es rote, gelbe oder grüne sind?

Elisabeth kennt ihre bessere Hälfte in solchen Situationen. Bei Arbeiten, die für ihn seit Jahr und Tag selbstverständlich sind, ruft sie natürlich seine Hilfe ab. Dadurch kommt Heinrich sich nicht ganz so überflüssig vor, denn sonst stünde er ihr vielleicht sogar im Wege. Alles organisieren, durchdenken, was es zu essen gibt und ob man einen Spaziergang machen sollte, all das ist Elisabeths Sache. Wohin man allerdings gehen könnte nach dem Kaffeetrinken, das überlässt sie ihrem Mann, denn der kennt sich mit den Wegen und Sehenswürdigkeiten besser aus. Außerdem macht er gerne Fotos unterwegs. Seine Kameraausrüstung ist sein ein und alles. Jeder hat so sein Gebiet.

„Wenn ich mal ausfalle, krank werde … oh Herr usse huus, wie soll das gehen. Du weißt nicht mal, wo die Sonntagstassen stehen … und ich könnte keine Wasserkiste schleppen …“

„Was ist los?“

Heinrich hatte sich gerade hingesetzt. Das, was ihm Elisabeth aufgetragen hatte, war erledigt. Nach seinem Dafürhalten könnte der Besuch ruhig jeden Moment durch die Tür kommen.

Verständnislos blickt er Elisabeth an.

„Mach dich nicht verrückt für die paar Stunden. Die Zeit ist schneller um, als du denken kannst und schon sitzt deine Schwester nebst Gatten wieder im Zug Richtung Heimat. … Nach dem Kaffeetrinken zeige ich den beiden die schönen Stellen hier im Ort, mach ein paar Fotos … wir werden sie schon müde kriegen …“

Elisabeth rührt die Suppe um.

„Der Besuch macht mir keine Gedanken, Heinrich. Meine Schwester und ihr Mann sind schließlich keine Fremden. Will’s nur ein bisschen schön machen, wenn sie schon mal hier sind. Sie kommen schließlich nicht alle Tage … nur, ich müsste endlich mal den Fotoapparat bedienen, bin ja ganz dumm auf dem Gebiet …“

Ach, darauf läuft es hinaus. Elisabeth will Bilder machen. Wer ihr wohl den Floh ins Ohr gesetzt hat … gern gibt Heinrich nämlich seinen Apparat nicht aus der Hand. … Dass Elisabeth bisher so gut wie keine Wasserkisten eingekauft hat, das ist Heinrich gar nicht aufgefallen. Was sie nur immer hat … muss sie auch nicht, Kisten schleppen. Dazu hat sie ihn doch.

Heinrich sitzt mit aufgestützter Hand am Tisch, überlegt. Jetzt will sie seinen Fotoapparat benutzen, auf einmal … Dann hat sie wohlmöglich auch noch nie …

Plötzlich sieht er eine ganze Palette von Dingen vor sich, die alle in seiner Ecke im Haus sind, zu ihm gehören und die Elisabeth wahrscheinlich noch nie angefasst hat, geschweige denn benutzt. Er blickt zu seiner Frau hinüber.

„Elisabeth … wenn du ausfällst, mach dir keine Sorgen, ich komm gut zurecht …“

Er spricht den Satz mit dem Brustton der Überzeugung aus, bei Elisabeth kommt er aber nicht so an. Kann sein, dass Heinrich dabei an Butterbrot und Kochtopf gedacht hat und an ein bisschen Hausarbeit wie einmal durchwischen …

Elisabeth ist in Gedanken weit weg vom alltäglichen Kram und geht gar nicht darauf ein.

„Gut zurecht … du ohne mich … ach Heinrich, daran müssen wir noch viel tun. Jeder von uns, du und ich. Wir kennen nicht einmal alle Ecken und Winkel des Hauses, alle Schubladen und Schränke, alles vom anderen …“

„Alleine würden wir viele Sachen auch anders machen und nicht alles brauchen …“

„Ja … wären wir allein, jeder für sich, ich glaub‘, Besuch bekommen sähe auch anders aus …“

„Du machst dir auch immer zu viel Arbeit, Elisabeth …“

„Sie sollen sich bei uns wohl fühlen, Heinrich. Und zuhause ist zuhause. Und wenn von uns mal einer ausfällt, soll’s für den anderen ein Zuhause bleiben …“

Das meint Elisabeth also mit dem Fotoapparat. Sie möchte den Apparat etwas kennenlernen, nur das Grundsätzliche, das würde ihr schon reichen, weil er zu ihrem Heinrich gehört, zu seinem und ihrem Zuhause. Heinrich kann zwar nicht stricken, aber er weiß auch, wo die Stricknadeln liegen und könnte zur Not die richtigen Nadeln weitergeben, die man für die Strümpfe gebraucht.

„Ach so …“

„Den Dingen haftet meins und deins an … wenn ihnen unsers anhaftet, gewinnt es an Bedeutung …“

“ … ach so meinst du das.“

Elisabeth hat es nicht so wie Heinrich in Worte gefasst, ihr war nur gefühlsmäßig danach.

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13 Gedanken zu “Kerzenzeit ist immer … nicht mal in den eigenen vier Wänden kennst du dich richtig aus

  1. Das stimmt irgendwie schon, dass sich in einer Beziehung, Partnerschaft so gewisse Spezialgebiete mit der Zeit herauskristallisieren…
    Und irgendwann setzt dann vielleicht auch mal so ein gegenseitiger Durchdringungseffekt ein. Eine interessante Phase… 😁
    Liebe Grüße zur Nacht vom Lu

    Gefällt 4 Personen

  2. Ein funktionstüchtiges „Wir“ kann nur aus 2 „Ich’s“ entstehen, die bereit sind, zum einen dem anderen „Ich“ Freiraum zu geben als auch das „Ich“ zu unterstützen, wenn dieses es braucht.

    Gefällt 1 Person

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