Kerzenzeit ist immer … Bilder verformen das Denken

„Die Bilder, die du in deinem Kopf hast, verformen dein Denken …“ 

Egon mal wieder mit seinen schlauen Büchern. Erna blickt von ihrer Handarbeit auf. Sie war gerade so schön in die Musik von ihrem Sender eingetaucht und jetzt fängt Egon, der mit ihr am Tisch sitzt, mit solchen Themen an. „Schlaumeier“, denkt sie „jetzt bitte nicht. Ich brauch auch mal meine Ruhe.“ Doch wie so immer, sagen tut sie es nicht. Als gute Ehefrau ist sie immer für ihre Lieben da, so jedenfalls scheint es ihr eingeimpft worden zu sein. Sie hält es jedenfalls für normal, sofort und ohne zu zögern ihre Luxusbeschäftigung zu unterbrechen. Egon, nichts für ungut, hat es auch nicht anders gelernt, als dass er bei Erna jederzeit die Nummer Eins ist. Alles völlig normal bei den beiden.

Dass Erna manchmal Rückenschmerzen hat, ist für sie ebenfalls völlig normal. Deshalb käme sie nie auf die Idee, darüber nachzudenken. 

„Ist normal, dass einem mal was weh tut …“

„Erna … ist das nicht erstaunlich, was Bilder ausrichten? … Man nimmt immer alles für bare Münze …“

Erna blickt zu ihm hinüber. Ihr Kopf ist voll von dieser herrlichen Traummusik. Sie sieht sich förmlich mit ihrem Egon im schwingenden Kleid über die Tanzfläche schweben …“

„… man nimmt es für bare Münze, das ist wohl wahr“, wiederholt sie wie selbstverständlich, „… nur dass der Zahn der Zeit alles rund schleift, Egon. … Was haben wir früher alles angehimmelt! Bis wir dahinter gekommen sind, was es damit auf de Hacken hat. Heute können sie uns nicht mehr so viel vormachen …“

„Erna … das meine ich nicht. … Die Bilder in unserem Kopf sind statisch. Das ist es ja. Keine Bilder, die sich bewegen. Bilder, die stehen bleiben. Auf stehenden Bildern bauen wir unser Denken auf …“

Erna sucht. Was meint Egon … der mit seinem Lesen. 

„Stehende Bilder? Meinst du Omas Fotoalbum? Auf den Bildern stehen sie in Gruppen angeordnet, fein hingestellt vom Fotografen. Wahrscheinlich extra schick gemacht stehen sie da. Wenn man länger hinschaut, sieht man das tatsächliche Leben von damals vielleicht  in den Gesichtern. Die Haut spricht manchmal auch Bände … und die Hände …“

„Zärtlichkeit und Freude verstecken sich in den Falten … im weichen Gesichtsausdruck … wenn sie jünger sind … meistens …“

„Ja Erna. Dann betrachtet man das Bild und glaubt alles, was man sieht. Dabei ist es nur eine Momentaufnahme. Und diesen winzigen Moment setzt man als bare Münze für alles von der Person. Richtet sogar noch Jahre später sein Denken daran aus, wenn man über die Familie spricht …“

„Egon, meinst du, man hätte Filme drehen sollen von früher, von der Familie? Damit die Erinnerung vielseitig ist und man sehr viel später Schönes entdecken kann, was man nie vermutet hätte? Zum Beispiel, weil das eigene Herz nicht über alle Punkte springen konnte? …“

Egon nimmt einen Schluck Kaffee, dreht mit dem Bleistift in der Hand herum, streicht sich über den Mund. 

„Filme … Filme, das ist auch nur ein Aneinanderreihen von Bildern. Das Leben liegt zwischen den festgeschriebenen Bildern … Leben ist Bewegung, ist Atmen. … Zukunft ist das Weiterführen von Atem … “

„Denken, sie denken in starren Bildern, in unbeweglichen, einseitigen Momentaufnahmen, die sie irgendwann einmal toll oder abschreckend fanden. Wie soll das Lebendige eigentlich ins Denken kommen, das Hier und Jetzt und die Zukunft erst mal … Zukunft ist Atmen … Wenn man an die Zukunft denkt, vorausschauend denkt, dann müsste man Brücken bauen …“

„Brücken bauen, Egon? Meinst du Eselbrücken? …“

„… Brücken zwischen den Bildern im Kopf. Verbindungen. Damit man sieht, wo die Bilder hinführen. Bilder im Kopf werden Wirklichkeit. … Die Wirklichkeit heute ist das Denkbild für morgen.“

„Nicht nur die Bilder sehen, sondern den Lauf der Zeit sehen, der in den Bildern steckt, denn die Wirklichkeit von gestern wächst weiter zur Wirklichkeit von heute und weiter zur Wirklichkeit von morgen und übermorgen …“

„Von Ewigkeit zu Ewigkeit … ob man das begreifen kann, Egon?“

Erna wendet sich wieder ihrer Handarbeit zu und Egon liest weiter.

13 Gedanken zu “Kerzenzeit ist immer … Bilder verformen das Denken

      1. Lieber Lu,
        Denkwege elastisch halten, finde ich, das ist gar nicht so einfach. Mit offenen Augen durch die Welt gehen, das sind vielleicht die schlauen Sätze zu diesem Thema. Mit offenen Augen geht man oft und bleibt trotzdem blind für das, was man nicht sehen will. Neue Wege zu finden, das müssen emotionale Höchstleistungen sein …
        Herzliche Grüße Inge

        Gefällt mir

    1. Liebe Diana,
      … die Bilder, die man im Kopf mit sich herumträgt, werden viel zu selten aktualisiert, geschweige denn vom Milchschimmer befreit. Es kommt mir vor, als gebräuchte man erst einen Anlass.
      Herzliche Grüße Inge

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s