Kerzenzeit ist immer … Geredet wird nur vom Ergebnis

„Gelassenheit, sag mal … ist Gelassenheit das Ergebnis von irgendetwas oder angeboren?“

Lena und Chantal kommen aus der Schule. Diesmal geht’s direkt zu Elisabeth, die zufällig in der Küche ist. Natürlich mitten in der Arbeit. Besuch hat sich angesagt und im Ofen brennt bereit Licht. Elisabeth heizt ihren Backofen immer vor. Ober- und Unterhitze wie immer, damit bekommen die Kuchen eine leckere Bräunung, meint sie. Eine Torte mit drei Böden soll es werden. Und mittendrin fragt Lena nach Gelassenheit. 

„Mit Ruhe und Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit …“ singt Elisabeth vor sich hin und macht mit ihrem Kuchen weiter. „Noch ein bisschen hiervon, noch ein bisschen davon … noch ein bisschen rühren, ja, so und nun ab in den Kühlschrank … eine kleine Ruhepause gefällig, bitte sehr …“ 

Dabei bewegt sich Elisabeth geschäftig in der Küche hin und her, räumt schon mal Überflüssiges auf, wischt über die Arbeitsplatte und setzt sich dann zu den beiden Mädchen.

„Ein kurzer Moment noch, dann muss der Kuchen in den Ofen. … Was steht da? Gelassenheit … soso. Ihr nehmt Gelassenheit durch in der Schule. Das wäre unseren Lehrern früher nicht eingefallen. Wer nicht ruhig war, konnte sich manchmal auf Nachsitzen gefasst machen. 

„Tante Elisabeth … wenn einer gelassen ist, dann ist er ruhig und noch viel mehr.“

„Tja, Gelassenheit … dann lasst mal machen. Machen lassen. Dann lasst mal zu, dass gemacht wird.“

„Zulassen, dass andere machen? Tatenlos zusehen und machen lassen … einfach geschehen lassen? … Dann hat man ein bequemes Leben, Tante Elisabeth.“ 

„Bequemes Leben … das bequeme Leben soll euch beigebracht werden …? Glaub ich nicht. Ihr geht in die Schule, um zu lernen. Um für später etwas zu wissen, damit ihr zurecht kommt im Leben.“

„Genau das ist es, Tante Elisabeth. Zurecht kommt man im Leben mit Gelassenheit. Das Lernen, das was man wissen sollte, das kann man überall nachlesen. Für Gelassenheit muss man was tun.“

Chantal hat das gerade mit wichtiger, ernster Miene gesagt. Elisabeth blickt sie fragend an. 

„Dann erklär‘ mal, was es auf sich hat mit der Gelassenheit.“

„Ich meine, die Geschichtszahlen zu wissen ist noch genauso wichtig wie früher,“ fügt sie hinzu.

„Tante Elisabeth … Geschichte, da machst du genau die richtige Vorlage. Aufgeheizt wurden viele, mitgemacht haben riesig viele. Geblendet haben sie sich mit Erfolgszahlen, mit Plaketten und Abzeichen. Innere Gelassenheit hätte Angst gemildert, oder nicht …“

„Gelassenheit hilft Not zu vermeiden, auch Seelennot …“

„Ach so meinst du das, Chantal. … Bleib gelassen und es geht dir besser.“

„Ja, genau so. Wenn man gelassen ist, findet man schneller gute Lösungen, als wenn man auf hundertachtzig ist. Man überlegt besser und lässt sich nicht mitreißen, für’n Appel und’n Ei schon mal gar nicht. Man denkt einfach weiter, an später und überhaupt …“

„Leben wird nicht einfacher, auch wenn ich noch so einen tollen Herd habe“, schiebt Elisabeth hinterher, steht auf und stellt den vorbereiteten Kuchen in den Backkasten.

„Gelassenheit … kommen und gehen lassen. Festhalten, Festklammern bringt Unglück …“

„Frühling, Sommer, Herbst und Winter … kommen und gehen lassen. Reinfuschen ist auch nicht gut. Klimaerwärmung …“

„Klar, dass sie Gelassenheit heute lernen müssen. Woher sollen sie auch wissen, dass es quasi natürliche Abfolgen gibt …  die Natur ist ja auch mächtig durcheinander gewirbelt …“

Elisabeths Gedanken sind inzwischen bei Gelassenheit und Natur angekommen. Sie bleibt einfach auf ihrem Stuhl sitzen und wartet unterdessen auf den Kuchen. Ein paar Minuten dauert es noch, sagt die Kuchenfarbe …

15 Gedanken zu “Kerzenzeit ist immer … Geredet wird nur vom Ergebnis

    1. … ist der Mensch nicht immer im Werden begriffen …? … im Werden lernt man zu fliegen, wohingegen Blütezeit, Reifezeit usw. Fesseln sein können. … gereift, überreif, ausgereift … was ist eigentlich erntefrisch … natürlich gereift? Manchmal gegen die Gedanken, ausgehend von einem Wort, spazieren …

      Gefällt mir

      1. Die Natur hat detaillierte Abfolgen vom Werden bis zum Vergehen … nach Regenwetter folgt Sonnenschein … ein Zuviel auf der einen Seite hat ein Zuwenig auf der anderen Seite zur Folge … vielleicht wird die Erfahrung, gelassen sein zu dürfen in der Kindheit zu wenig zugelassen, weil sie leistungsmässig nicht messbar ist. Was meinst Du dazu?

        Gefällt mir

      2. Die Gelassenheit ist in der Kindheit einfach kein Thema!

        Die armen kleinen müssen heutzutage ja rundumdieUhr immer irgendwas tun.
        Schule plus!
        Die Eltern sind ja alle fordernd ohne Ende, furchtbare Zeit…

        Gefällt 1 Person

      3. Ich habe mein Kind sein niemals als glücklich empfunden, geschweige denn verherrlicht!
        Habe mich viele viele Jahre meines Lebens als Flüchtling erlebt, sozusagen immer auf der Flucht wie früher Richard Kimble…
        Achtsamkeit und Gelassenheit erlernte ich erst sehr spät durch einen philosophischen Freund nach meinem Zusammenbruch…

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s