Kerzenzeit ist immer … Einer muss der Letzte sein

„Sieh mal hier … letzte Seite …“

Damit hält Elisabeth Erna ihr Poesiealbum entgegen. Erna war auf einen Sprung rübergekommen, die Strickzeitung zurückgeben.

Handarbeitszeitschriften reichen die beiden schon seit Jahr und Tag untereinander weiter. Warum auch nicht, die Teile, die sie stricken, fallen sowieso verschieden aus. Erna liebt Rüschen und bonbonfarbene Verzierungen, Elisabeth hält am liebsten alles in schlicht blau, höchstens mal mit zarten Streifen verziert. Wenn ihnen etwas gefällt, was sie nacharbeiten möchten, benutzen sie die Anleitungen oder wandeln diese nach Geschmack ab.

Poesiealbum, letzte Seite. Glanzbilder … allein diese Herzen, Püppchen und Katzen lassen das Gespräch verstummen. Abgetaucht sind sie, Erna und Elisabeth.

 „Sieh mal diese Schrift, wie sorgfältig. Was steht da …? Karin? Und der Spruch … ‚Hier auf dieser Seite will ich stehen ganz allein, will die letzte sein im Album, will zuletzt vergessen sein.‘ Karin … wer war das noch mal … ach die Karin, die mit den Ballerinas …“

„… weiß gar nicht, wo sie geblieben ist. Früh geheiratet und dann verliert man sich aus den Augen …“

„… weiß auch nicht, wie sie jetzt heißt. Ist schon schwierig … heiraten sie, kennt man nicht mal mehr ihren Namen.“

„… und die Eltern? …  Die sind, glaube ich, verzogen. … Man verliert sich halt aus den Augen.“

„So ist nun mal das Leben, wenn man sonst nichts miteinander zu tun hat.“

„Weiß du noch? Sie kam immer um Haaresbreite vor Schluss. Einmal wollte der Bus gerade losfahren … ich sag dir’s, das war knapp. Der Busfahrer hat extra ihretwegen noch einmal die Tür geöffnet. Mehr als Glück hat sie gehabt, damals. Der nächste Bus kam nämlich erst zwei Stunden später und dann da stehen, alleine und warten, das ist kein Vergnügen.“

„Sicher. So bequeme Wartehäuschen mit Bank und Klarsichtscheiben gab’s nicht … Was hat man’s heute gut, wenn ich’s so überlege …

„Hatte sie nicht schon größere Geschwister? Schwestern? Manchmal blitzte ihr Pettycoat. Der gehörte bestimmt ihrer Schwester, die zwei Klassen über uns war. Schade, dass wir von Karin nichts mehr wissen …“

„Würd‘ mich auch mal wundern, ob sie uns noch wiedererkennt …“

„Als Letzte hat sie sich hier im Poesiealbum verewigt, dabei waren die Seiten davor noch frei.“

„… um nicht vergessen zu werden, könnte man meinen …“

„Keine Ahnung … Das Letzte kann jedenfalls als Erstes ins Gedächtnis zurückkehren … “

„Ja … das letzte Wort.“

„Wie oft streiten sie sich um das letzte Wort, wenn man mal die Ohren aufmacht. Jeder will das letzte Wort haben …“

„Was wäre eigentlich ein wichtiges, letztes Wort …“ 

Der Gedanke lag Erna auf der Zunge. Ausgesprochen hat sie ihn nicht.

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3 Gedanken zu “Kerzenzeit ist immer … Einer muss der Letzte sein

  1. Ich lese mich hier erst so langsam ein, und ich muß sagen, es gefällt mir sehr. Ich freue mich, mit Deinen Texten etwas entdeckt zu haben, was ich so vorher noch nie gesehen und gelesen habe.

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